
CHARLES BAUDELAIRE
15., Stadtbahndreieck
Artikel der Stadtzeitung »Falter«, 7/82.
Gerhard Fischer, Klemens Gruber und Michael Tripes betraten im August 1980 einen leeren Platz in Wien 15, umgeben von zwei Stundenhotels (das “Schwar- zinger” in der Dunklergasse und das “Bauer” in der Graumanngasse).
Sie beginnen das Gelände in Anspruch zu nehmen. Sie sind etwa 25 Jahre alt, schick und dekadent. Für einen Augenblick balancieren sie auf den Mauern im Sog des Himmels.
Die Falter-A3 Doppelseite , layoutiert mit französischen Baudelaire-Textsplittern und ausgestattet mit Fotografien von Gerhard Fischer, zeigt die wüstenartige Platzsituation in Wien Fünfhaus, wo blutjunge und alte aus dem Proletariat stammende Frauen auf den Strich gingen. Das im Bürgerauge anrüchige Areal wurde wenig später umgestaltet, die Stundenhotels eleminiert.
Das “Hotel Bauer” wurde angeblich während des Zweiten Weltkrieges als Bordell für die Soldaten der Wehrmacht genutzt. Nach dem Ende dieses Krieges war es ein offizieller und fester Bestandteil im Wiener Rotlichtmilieu und gilt als das älteste Stundenhotel von Wien. Das Hotel hatte damals zwei Eingänge, der eine Eingang führte zur Bar, wo sich die Prostituierten aufhielten, wenn sie nicht auf der Straße vor dem Hotel waren. Der zweite Eingang führte über einen Gang in eine Portierloge, wo ein Portier den Zimmerpreis verrechnete und zusätzlich zu diesem noch Seife und Zigaretten anbot.
Im Austropop findet sich eine Reminiszenz an das berüchtigte “Hotel Bauer”. In seinem Song „Elfi“ um 1990 singt GeorgDanzer (7. Oktober 1946, Wien – 21. Juni 2007, Asperhofen, NÖ):
Du bist gschdaundn in der dunklergossnund du host di duat aufreißn loßn
du bist glant duat aun da mauer
beim hotel bauer
Georg Danzer berichtet in seinem 1993 erschienen Buch Auf und davon von seinen Eindrücken des Hotel Bauer:
“(…) nachmittags [trieb ich mich] eben meist auf dem Gelände dieses Vergnügungsparkes Gaudenzdorf herum (…), wo allerlei halbstarkes Gesindel in der Spielhalle und an der Schießbude umherlungerte.
Dieser Ort vorstädtischer Lustbarkeiten befand sich an jener Stelle, wo der Gürtel heute eine große Schleife nach links zieht, wenn man ihn von der Gumpendorfer Straße in Richtung Schönbrunner Straße herunterfährt.
Dort kreuzten und kreuzen immer noch die alten Stadtbahnbögen des Otto Wagner die Wienzeile, und etwas weiter drinnen im Gewirr der engen Gässchen lag das Hotel Bauer, ein Stundenhotel, vor dem schon um die Mittagszeit, wenn ich von der Schule nach Hause ging, ein paar Huren herumstanden. Diese Welt faszinierte mich.” Zit. nach : Georg Danzer, Auf und davon, Edition Tau, Bad Sauerbrunn 1993 – Kapitel 18 (S. 93-104).
Der Schar grosser Verstossener folgt auch Charles Baudelaire, er beschreibt in seinen Gedichten «Les Fleurs du Mal» (Die Blumen des Bösen, 1857)) und «Le Spleen de Paris», Huren, Bettler und Trinker als Teil des Lumpenproletariats des Zweiten Kaiserreichs.
In den Gedichten werden Prostitution , lesbische Liebe ( “Verfemte Frauen”, “Lesbos”),” Der Wein der Lumpensammler”, die Melancholie , das Dandytum und die lasterhafte Grossstadt Paris geschildert.Alles scheint in der Poesie wie gebannt in einem Schwebezustand zwischen Realität und Fiktion. Stefan George , Walter Benjamin und Simon Werle haben mit sprachlicher Brillanz “ Les Fleurs du Mal” übersetzt.
Nach dieser Baudelaire-Hommage in Wien 15 waren Verse von CharlesBaudelaire in einer aufgelassenen Bäckerei in Wien 2, Zirkusgasse 43 zu lesen. Die Räume im Finstern und im Kerzenqualm waren für jeweils 15 Besucher im Zeitraum 19.–21. September 1980 zugänglich. In einem Prospekt hiess es : »Baudelaire ist dazu bestimmt, die Unruhe und die Melancholie der modernen Jugend darzustellen.«
Auf die Wand der Backstube war das Prosagedicht “Berauschet Euch” in schwarzer Farbe gesprüht . Baudelaire hat den Text um 1860 verfasst.
Durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt und sprechunfähig, starb Baudelaire im Jahr 1867 im Alter von 46 Jahren in der Pariser Klinik des Dr. Duval im Quartier de Chaillot.Die Bestattunghielt sein Malerfreund Eduard Manet in dem gründüsteren Gemälde Das Begräbnis fest.
Berauschet Euch
Man muß immer trunken sein.
Das ist alles, die einzige Lösung.
Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen,
das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt,
müsset ihr euch berauschen, zügellos.
Doch womit?
Mit Wein, mit Poesie, oder mit Tugend?
Womit ihr wollt,
aber berauschet euch.
Charles Baudelaire
Die Obsession Fischers für Baudelaire mündete viele Jahre später in auschweifende Essays und Ausstellungskonzepte zu Alban Bergs Lyrische Suite ( 1927).
Der Komponist Berg und der Dichter Baudelaire waren zwei Bäche, die einen dritten bilden ( Siehe ausführlich: http://www.gerhardfischerworks.eu/suite/LyrischeSuite.html)
„Hundert Jahre nach Baudelaires Tod gründete der Amerikaner William Bandy 1968 zusammen mit Raymond Poggenbourg, James S. Patty und Claude Pichois das Centre d’ Etudes Baudelairiennes in Nashville, Tennessee. (...) Direktor ist seit der Gründung der Ordinarius Claude Pichois, Herausgeber der Baudelaire-Pléiade-Ausgabe (...) Mit der jährlichen Herausgabe des ‚Bulletin Baudelairiennes‘ hat sich das Forschungsinstitut zur Aufgabe gemacht alle Neuerscheinungen über Baudelaire, alle Übersetzungen und Neuausgaben seiner Werke zu dokumentieren- und anzuschaffen(...) Über 60 000 Quellen können Forscher und Liebhaber an der Vanderbilt University in Nashville über einen der berühmtesten Dichter der Moderne recherchieren“. Zit. nach: Elisabeth Oehler, “Ein Pariser in Amerika”. Das Centre d’ Etudes Baudelairiennes in Nashville, Tennessee, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 89, 18./19.April 1998.